Eine Fähre, die im Navi nicht steht
Eine Woche vorher hatte ich noch überlegt, die Nacht davor bei meinem Schwager in Koblenz zu verbringen. Von dort wären es vierzig Minuten gewesen statt zweieinhalb Stunden. Dann kam die Idee, meine Frau mitzunehmen, bis klar wurde, dass der 27. Juni einer der heißesten Tage des Jahres werden würde. Im fünften Monat schwanger und bei über dreißig Grad im Auto: keine gute Kombination. Also blieb es beim langen Weg, und ich fuhr um zehn Uhr allein los.
Zwei Stunden lief alles glatt. Dann, kurz vor dem Ziel, wollte mich Google Maps auf eine Art über den Rhein schicken, die ich nicht verstand. Ich suchte eine Brücke und fand keine. Nach einer Viertelstunde Hin und Her fuhr ich einfach geradeaus weiter, worauf mich das Navi über eine echte Brücke leitete und die Ankunftszeit von 12:45 auf 13:45 sprang.
Eine Stunde später wäre nicht dramatisch gewesen, aber ich hatte Julie und Kevin 13:00 Uhr zugesagt. Also zurück an den Fluss. Beim zweiten Hinsehen war da tatsächlich eine Autofähre, alle zehn Minuten. Nur stand niemand dort, und ich war fünf Minuten lang ehrlich unsicher, ob das Ding überhaupt fährt. Dann kam eine Frau im Auto, ich fragte sie in meinem holprigen Deutsch, und sie sagte nur: kommt gleich. Auf der anderen Seite zeigte das Navi wieder 12:45.
Zwölf Uhr fünfundvierzig
Ich kam an, wie versprochen. Die alte Villa steht im Wispertal mitten im Grünen, ein Fachwerkhaus mit Wald direkt dahinter, und man sieht ihr an, dass sie schon eine Weile dort steht. Vor dem Haus liegt eine Wiese, die an diesem Tag alles war: Trauungsort, Fotostrecke und später Spielfläche.
Die Vorbereitungen waren schon so weit, dass ich in Ruhe herumgehen und schauen konnte. Bei vierunddreißig Grad war das vor allem eine Suche nach Schatten. Genau deshalb war ich froh über jede Minute, die ich früher da war: Wer erst zehn Minuten vor der Zeremonie ankommt, fotografiert den ganzen Nachmittag lang das, was übrig bleibt.
Um zwei, zwischen den Bäumen
Um 14:00 Uhr begann die freie Trauung auf der Wiese vor der Villa. Zwischen zwei Bäumen hing ein Tuch als Bogen, davor standen die Stühle in zwei Reihen mit einem Gang in der Mitte, dazwischen Holzkisten mit Blumen. An einem Tag wie diesem war der Baumschatten das größte Geschenk: weiches, geflecktes Licht statt harter Mittagssonne, und ein paar Grad weniger für alle.
Julie und Kevin haben ihre Versprechen selbst geschrieben und von einem kleinen Heft abgelesen. Das sind die Momente, in denen ich am dichtesten herangehe und trotzdem am wenigsten mache: einmal seitlich, einmal von hinten durch den Gang, und den Rest der Zeit einfach warten. Von den vierundsiebzig Gästen bekommt man in diesen Minuten die ehrlichsten Gesichter.
Anderthalb Stunden nur zu zweit
Ab 16:00 Uhr hatten wir Zeit für Julie und Kevin allein. Wir sind über die Wiese und ein Stück am Wasser entlang gegangen, immer im Schatten geblieben und haben uns Zeit gelassen. Das Wispertal nimmt einem an so einem Tag die Arbeit ab: Wald auf beiden Seiten, offene Wiese in der Mitte, und ein Brautstrauß in kräftigen Farben, der vor all dem Grün von selbst funktioniert.
Was ich in solchen Stunden am liebsten fotografiere, sind nicht die Posen, sondern die Pausen dazwischen. Einmal sind die beiden einfach losgerannt, quer über die Wiese, Schleppe hinterher. Solche Bilder kann man nicht ansagen, man muss nur die Kamera oben haben, wenn es passiert.
Schuhe hoch, Bier hinterher
Nach dem Shooting kam der Teil, den man nicht planen kann. Beim Schuhspiel saßen Julie und Kevin Rücken an Rücken, jeder mit einem Schuh in jeder Hand, und die Gäste stellten die Fragen. Ich stehe dabei nie bei den beiden, sondern gegenüber, weil die Antwort immer in den Gesichtern im Publikum steht, bevor der Schuh oben ist.
Später rannten die Trauzeugen quer über die Wiese um die Bierkiste. Bei so etwas stelle ich mich tief hin und lasse die Flaschen im Vordergrund unscharf stehen. Es ist ein albernes Bild, und genau deshalb gehört es dazu.
Reden, Essen, langsam kühler
Gegen 17:30 Uhr kamen die Reden, die Sorte, bei der zwischen zwei Sätzen alle lachen und in der Zeile danach jemand kurz die Fassung verliert.
Um 18:00 Uhr wurde im Zelt gegessen, an langen Tafeln unter Papierlampions. Die Hitze ließ endlich nach, und der Abend wurde genau so, wie sich die beiden ihren Tag vorgestellt hatten: unaufgeregt, warm und voller Leute, die sich wirklich freuten. Auf der Rückfahrt nahm ich wieder die Fähre.
Details
- Location
- Alte Villa im Wispertal, Lorch am Rhein
- Trauung
- Freie Trauung im Wald
- Gäste
- 74
- Paket
- 6 Stunden Begleitung
- Fotos
- 175+ bearbeitete Bilder